Easy Rider

Saftig, satt, üppig – so übersetzt der Diktionär das englische Wort ‚lush‘. Ich komme zum Schluss, dass es keine befriedigende Übersetzung ist, während ich mich in einem fast meditativen Zustand abwechselnd nach links und nach rechts in die Kurven lehne. Das überbordende, lebendige, wuchernde und vor Nässe triefende Grün ist überall ausser unter mir. Unter mir sind 110 feurige Kubikzentimeter und unter diesen die Ho Chi Minh Road. Raffael und ich sind unter die ‚Easy Rider‘ gegangen. Und das kam so:

Für diejenigen, die mich kennen ist es wenig überraschend, dass die abenteuerliche Idee aus meinem verrückten Köpfchen stammt. Busfahren ist für Langweiler! Los, kaufen wir uns eigene Motorräder! Gesagt, getan. Wir weilen zu dieser Zeit in Hue und finden im Netz die Adresse eines Mechanikers, der gut Englisch sprechen soll und Ausländern gerne dabei behilflich ist, ihre Zweirad-Fantasien in die Tat umzusetzen. Zwei Tage und ein Handschlag später stehen wir wieder bei Mr. Kim in der Garage, drücken ihmein paar Millionen Vietnamesische Dong in die ölverschmierten Hände und brausen davon.

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Begonnen hat unser Weg vor vier Tagen bei der DMZ mit den berühmten Vinh Moc Tunnels. Von da ging’s weiter westwärts nach Khe Sanh, das im Vietnamkrieg traurige Berühmtheit erlangte. Traurig ist das Kaff auch heute noch und nach einer Nacht im einzigen, ziemlich versifften Hotel des Ortes sehnten wir uns förmlich danach, unsere Helme aufzusetzen und uns auf die Spuren von Onkel Ho zu begeben. Dies jedoch nicht ohne vorher von ein paar Möchtegern-Hells Angels belächelt zu werden, als wir ohne Motorradkleidung, dafür mit zwei 20kg-Reisetaschen in der Lobby erschienen. Das Lächeln auf ihren Gesichtern gefror schlagartig, als Raffael lauthals verkündete, dass wir die gleich lange Strecke wie sie fahren würden – im Gegensatz zu ihnen jedoch im Bikini. Damit starteten wir so würdevoll wie möglich unsere stotternden Motoren und düsten los.

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Auf die Idee, der Ho Chi Minh Road zu folgen, brachte uns Tom – beziehungsweise sein atemberaubend guter Blog www.vietnamcoracle.com. Er ist ein begeisterter Motorradfahrer, wie auch ein begnadeter Blogger. Auf dieser Seite könnt ihr unsere Tour in umgekehrter Reihenfolge (Khe Sanh nach Kon Tum, Tag 1-3) mitverfolgen.

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Und hier sind wir nun also. Nebelschwaden hängen in der Luft. Es regnet nicht. Die Luft ist allerdings so mit Feuchtigkeit getränkt, dass ich mein Visier alle paar Minuten vom Wasser befreien muss. Kurve um Kurve winden sich unsere beiden Yamaha Nouvo’s (kein Tippfehler, imfall) den Pass hinauf. Zuoberst angekommen brechen wir in wildes Freudengeschrei aus. Für Worte sind wir zu baff und zu klamm. Es ist eiskalt. Wir füllen uns die Backen mit Schokolade und machen Aufwärmübungen wie früher im Skilager (auf der Stelle rennen, schneller, noch schneller, und „Wassergrabe!“). Atemlos schwingen wir uns wieder auf die Sättel und starten in die Abfahrt.

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Kleines 1×1 des Motorradfahrens in Vietnam:

  • 1 Truck + 1 Töff = 1 Gewinner
    …und die Bastarde wissen das genauso gut wie wir. Zur Seite fahren reicht nicht, wenn ein Truck den anderen Truck überholt, während dieser bereits einen Scooter überholt. Entmaterialisieren wird hier neu definiert.
...man achte auf meinen Gesichtsausdruck! Herrlich!

…man achte auf meinen Gesichtsausdruck! Herrlich!

  • Jeder, der in der Schweiz Motorrad fährt kennt’s: Hüte Dich vor Kuhfladen! Ist in Vietnam nicht so problematisch – das nennt sich hier ‚Büffelturm‘ und ist unübersehbar.
  • Hühner sind doof. Sie rennen garantiert immer auf die Strassenseite, auf der es weniger Platz hat für sie. Trick: Nicht ausweichen, sonst fährt man mit Sicherheit drüber.
  • Hunde sind doofer. Sie rennen garantiert immer völlig wahllos auf der Strasse herum, sobald man sich auf dem Motorrad nähert. Bremsen oder Hot Dog.
  • Kommunismus herrscht auch im Strassenverkehr. Deine Fahrbahn ist auch seine Fahrbahn. Kurven ausfahren wird nicht empfohlen.
  • Statt Stau am Gubristtunnel gibt es hier Büffel-, Schweine- und Kuhstaus – davon bringen sie zwar nichts in den 9 Uhr-Nachrichten, ist aber viel unterhaltsamer.
  • Nicht ohne meine Hupe! Hupen ist Pflicht. Immer. Laut. Fest. Lange.

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2 Gedanken zu “Easy Rider

  1. Liebe Andrea

    Einmal mehr bestätigt sich, dass es ganz entspannend ist, nicht alles so genau zu wissen!!! Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass du nicht nur mit dem Roller, sondern auch mit allem drum und dran schon ganz schön in Fahrt gekommen bist. Zum Glück habt ihr wenigstens noch keine Flip Flop dabei…

    Wir haben gestern einen wunderbar entspannten Abend mit deinen Eltern genossen. Es war fast Mitternacht, ohne dass wir die Zeit wahrgenommen haben. Dabei sind wir natürlich immer wieder auf „unsere Kinder“ gekommen und haben uns ein bisschen selber auf die Schultern geklopft, dass ihr zwei so tolle Typen geworden seid!!! 😉

    Wir wünschen euch eine weitere tolle, gesunde und hoffentlich wärmere Reisewoche. Herzlichst, Vreni

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